Grafik zeigt ein Labyrinth welches mit den Auswirkungen von Traumata in Worten beschriftet ist

Recovery

Was bedeutet Recovery?

Recovery ist ein individueller Prozess, der sich an den persönlichen Werten und Zielen jedes einzelnen betroffenen Menschen orientiert. Hoffnung und Sinnfindung sind die wichtigsten Gesundungsfaktoren! Genesung, oftmals auch Heilung ist für alle psychisch kranken und / oder seelisch belasteten Menschen möglich!

«Gesundung ist eine Haltung, eine Einstellung und ein Weg, die täglichen Herausforderungen anzugehen. Es ist ein selbstgesteuerter Prozess, um Sinn und Zielsetzung ins Leben zurückzugewinnen.»

«… Recovery beinhaltet eine Wandlung des Selbst, bei der einerseits die eigenen Grenzen akzeptiert werden und andererseits eine ganze Welt voller neuer Möglichkeiten entdeckt wird»

Wichtige Helfer im Recovery-Ansatz: «Peers», die selbst von einer psychischen Krankheit betroffen sind und eine spezifische Ausbildung abgeschlossen haben. Von einer therapeutischen Haltung, die das autonom selbstbestimmte Wohl der Patienten ernst nimmt, könnte neben der Psychiatrie möglicherweise die gesamte Medizin profitieren.

Recovery versteht sich als ein individuell persönlicher, tiefgreifender, lebenslanger Prozess. Eine «Gesundung» ist Änderungen unterworfen, nicht linear und auch bei den schwersten Erkrankungen möglich. Damit es Patienten möglich wird, im Sinne von Empowerment Selbstbefähigung wiederzuerlangen, in Krisen ihr Leben selber in die Hand zu nehmen und selbstbestimmt durchs Leben zu gehen, braucht es Menschen, die an die Betroffenen glauben und die Hoffnung behalten.

Menschen erleben ihr Leben als sinnvoll und lebenswert, wenn es gelingt, die eigene Biographie, den eigenen Weg zu akzeptieren. Dazu gehört der oft schmerzliche Prozess, die Krankheit und Behandlung in die eigene Lebensgeschichte zu integrieren. Auch kann die Erkrankung zu einem Gewinn im Umgang mit sich selbst und eigenen Erfahrungen führen. Betroffene können so Widerstandskräfte und konstruktive Anpassungsfähigkeiten (Resilienz) entwickeln und sie können lernen, sich von demoralisierender Resignation und Selbststigmatisierung zu bewahren.

Der Recovery-Prozess verläuft generell individuell. Wie Betroffenen geholfen wird, ist immer von der jeweiligen Person abhängig. Es gibt keine Anleitung zur Durchführung eines Recovery-Prozesses, es gibt keine ideale oder „richtige“ Vorgehensweise.

Es ist zu wünschen, dass sich die Recovery-Haltung weiter ausbreiten kann. Dies bedingt allerdings Änderungen im Rollenverständnis der Akteure des Gesundheitswesens und beinhaltet vermehrt ein Sinn- und Ressourcen-orientiertes statt ein eher Defizit-orientiertes Behandlungsverständnis.

Eine Bedingung ist sicherlich, dass Behandelnde ihre Zeit prioritär der Beziehung zu Patienten widmen können und sich so Vertrauen und Sicherheit entwickeln kann. Von einer therapeutischen Haltung, die das subjektive, autonom selbstbestimmte Wohl der Patienten ernst nimmt und reflektiert, könnte neben der Psychiatrie im gesamten Gesundheitswesen erfolgversprechend sein.

Recovery...

  • … ist ein neues Konzept zur Gesundung bei psychischen Erkrankungen.
  • … kommt aus der Selbsthilfebewegung psychiatrieerfahrener Menschen.
  • … unterstützt psychisch erkrankte Menschen dabei, aktiv einen individuellen Gesundungsweg zu gehen.
  • … braucht Hoffnung auf Veränderbarkeit der Situation.
  • … bedeutet einen persönlichen Sinn in der Erkrankung entdecken zu wollen.
  • … bindet Freunde und Vertrauenspersonen als „Holders of Hope“ ein.
  • … legt den Schwerpunkt auf persönliche Ressourcen und Stärken.
  • … wurzelt in dem Wunsch nach Selbstbestimmung auf dem Gesundungsweg.
  • … fördert Selbstverantwortung für ein zufriedenes Leben.
  • … ist … immer eigen. So wie Sie!

(Aus Recovery – Reise zur Gesundung – Hoffnung macht Sinn, Dachverband Gemeindepsychiatrie e. V.)

Was ist Recovery?

Stephan Wolff Diplom‐Pflegewirt (FH) Fachkrankenpfleger Psychiatrie beschreibt in seiner Studie wie folgt:

Recovery beschreibt folgendes prozesshaftes Geschehen:

  • Integration der Erfahrung dessen, was Psychiatrieprofis als Krankheitsgeschehen beschreiben
  • Wiederherstellung und Rückkehr zu einem erfüllten und gesunden Leben unabhängig davon, ob Symptome bestehen oder nicht
  • Integration bestehender Symptome in den Alltag
  • Gestaltung eines subjektiv befriedigenden Niveaus in den Bereichen Beschäftigung, Wohnen, Freizeit und Sozialkontakte

Recovery ist ein Konzept, das die folgenden Begriffe beinhaltet oder berührt:

Beziehung:

Menschen mit psychischen Erkrankungen benötigen kompetente Begleiter bei ihrem Weg aus der Erkrankung. Gerade wenn es für die Kranken schwer vorstellbar ist, dass sie die Erkrankung überwinden können, brauchen sie Menschen in ihrer Umgebung, die daran glauben und ihnen Kraft geben können. Gesundheitsprofis, die sich an einem defizitorientierten Krankheitsverständnis orientieren, können diese Funktion nicht wahrnehmen.

Empowerment:

Damit ist gemeint, dass die Kontrolle über den Weg aus der Erkrankung bei den Betroffenen und nicht bei den Gesundheitsprofis liegt.

Gesundheitsförderung:

Die Ottawa‐Charta der WHO aus dem Jahre 1986 läutete einen Paradigmenwechsel im Gesundheitswesen ein. Gesundheitsaktivitäten sollen sich vorrangig daran orientieren, Gesundheit zu fördern und nicht nur Krankheiten zu behandeln. Das beinhaltet vor allem eine andere, aktivere und emanzipierte Rolle der Nutzer von Gesundheitsdienstleistungen.

Hoffnung:

Die gesamte Forschung zu den Verläufen und Prognosen psychischer Erkrankungen belegt, dass die Hoffnung auf eine Gesundung nie aufgegeben zu werden braucht. Die Aussage, dass ein psychisch kranker Mensch bis an sein Lebensende Medikamente nehmen muss, ist empirisch ungenügend belegt und wenig dazu geeignet, Hoffnung zu entwickeln.

Lebensqualität:

Ziele werden individuell entwickelt und streben eine gewünschte Lebensqualität und weniger einen bestimmten Krankheitsstatus an.

Resilienz:

Darunter versteht man die individuelle Widerstandskraft bei auftretenden Belastungen. Salutogenese: Das ist eine Theorie von Antonovsky, die sich mit der Frage beschäftigt: Was lässt Menschen gesund bleiben, obwohl sie krankmachenden Einflüssen ausgesetzt sind (Antonovsky 1997).

Soziale Inklusion:

Nach dem Konzept der Inklusion, ist die aktive und gesicherte Teilhabe am Leben von Gemeinschaften ein bedeutsamer gesundheitsfördernder Aspekt (Poscher, Rux et al. 2008). Besonders hilfreich scheinen Netzwerke von Betroffenen, wie zum Beispiel Stimmenhörernetzwerke. In solchen Netzwerken finden Betroffene häufig Hilfen bei der Integration von Symptomen in den Alltag.

Spiritualität:

Dem Thema Spiritualität haftete lange das Image des Irrationalen und Weltfremden an. Neuere Forschungen haben ergeben, dass Spiritualität am häufigsten mit einem Verbundensein mit anderen Lebewesen, der Natur und auch mit etwas Göttlichem assoziiert wird. Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass spirituelle Menschen gesünder leben (Bucher 2007).

Stigmabewältigung:

Die Stigmatisierung wird von Menschen mit einer psychischen Erkrankung viel schlimmer erlebt als die Erkrankung selbst (Sauter, Abderhalden et al. 2006). Deswegen ist die Bewältigung erlebter Stigmatisierung ein wichtiger Schritt bei der Gesundung.

Zum Wiedererlangen der geistigen Gesundheit werden in Recovery-Bewegungen innere und äußere Beeinflussungsfaktoren benannt.

In den angelsächsischen  Ländern  zielt diese Recovery-Bewegung auf eine politische und persönliche Implikationen mit dem Fokus auf Heilung. (Recovery-Modell, Wikipedia vom 21.12.12). Im deutschsprachigen Raum wird der Recovery-Begriff in Zusammenhang mit guter Pflege durch die psychiatrisch Tätigen benutzt.

Grundbedingungen für Recovery sind Selbstmotivation und Mentor.

Auszug aus „Bedeutung von Recovery und Inklusion in der Gemeindepsychiatrie“

Manuskript für Psychosoziale Umschau 2/2013 "Inklusion und Peer-Arbeit in der Gemeindepsychiatrie in Rheinland-Pfalz"

„… Patrica E. Deegan, Psychiatrie-Erfahrene und unabhängige Beraterin von Recovery- und Empowerment in Forschung und Lehre, hat 1995 im Vortrag „Gesundung von psychiatrischen Leiden: Anregung für die Aus- und Weiterbildung von Psychiatrie-Fachleuten“ ihre depressive Situation und die Recovery-Reise wie folgt beschrieben: „Bevor wir aktive Teilnehmer unseres eigenen Gesundungsweges werden, befinden sich viele von uns in einer Zeit von großer Apathie und Gleichgültigkeit. Es ist eine Zeit, in der wir ein verhärtetes Herz haben, in der uns inzwischen alles egal ist. Es ist eine Zeit in der wir uns als Tote unter den Lebenden oder wie Zombies fühlen: alleine, verlassen und dahin treibend auf einem stillen, toten Meer, ohne Kurs und ohne Richtung. Wenn ich meinen Blick zurück werfe, sehe ich mich mit siebzehn Jahren, diagnostiziert mit chronischer Schizophrenie, voll gepumpt mit Haldol, in einem Stuhl sitzen. (…) Ich glaube, das Bild, das ich hier male, ist vielen von uns bekannt. Wir kennen das Bild von Apathie, Rückzug, Isolation und Motivationsmangel. (…) Etwas, woran ich mich erinnern kann ist, dass die Leute um mich herum mich nicht aufgaben. Sie hörten nicht auf damit, mich einzuladen, Dinge zu tun. Ich erinnere mich an einen Tag, an dem ich ohne bestimmten Grund „ja“ sagte zur Aufforderung, beim Lebensmitteleinkauf zu helfen. Ich stieß nur den Einkaufswagen, mehr wollte ich nicht tun.

Aber das war der Anfang. Und wirklich entdeckte ich mit kleinen Schritten wie diesem, dass ich Stellung beziehen konnte gegen das, was mir nicht gut tat.“ (Zitiert nach einer Übersetzung von Zaugg-Laube und Lanz-Laube; Gesundung als Reise des Herzens; www.lvpe-rlp.de )

Die Großmutter hatte die Enkelin Patrica nicht aufgegeben und war hoffnungsvoll, irgendwann ein Fundament zu haben, wo beide einkaufen gehen. Hier hatte die Großmutter Mentor (Ratgeber, Erzieher, väterlicher Freund) gespielt und eine Atmosphäre der Hoffnung geschaffen, in der die Enkelin Mut fasste, auf die Großmutter zu vertrauen, dass sie das Wissen und die Fähigkeit verfügt, die es braucht, um die Recovery-Reise zu überstehen.

Klaus Laupichler – Peerberater – berichtete auf der Fachtagung: „Sucht und Psychose – Doppeldiagnose; die Herausforderung der Zukunft“ von einem Zivi in seinem Heim, der ihm die Hoffnung gab, aus dem Heim zu ziehen. Anlässlich der Fachtagung „Wege der Genesung!

Wieder in der Gesellschaft“ nennt der Lehrer Kalle Pehe die Künstlerin, Autodidaktin und Ehrenvorsitzende des Bundesverbandes Psychiatrie Erfahrene Dorothea Buck, die ihm die Kraft und das heilsame und wohltuende Gefühl gab, verstanden zu werden. Bei der gleichen Tagung sagt Norbert Südland – Unternehmer und Projektleiter –  seine Selbstmotivation ist aus dem Glaube an Jesus entstanden und das Gebet: „Herr Jesus, hau die Geister ´raus!“ seien der Beginn seiner Recovery-Reise gewesen (www.lvpe-rlp.de).

Der exakt datierbare und beschreibbare Beginn der Recovery-Reise ist bei den 4 Psychiatrie Erfahrenen unterschiedlich gewesen. Für manche Menschen kann der Wendepunkt – wie bei Norbert Südland – eine Situation sein: Es geht nicht mehr viel schlimmer, inmitten dieser Verzweiflung beginnt der Recovery-Prozeß.

Patrica E. Deegan, Klaus Laupichler und Kalle Pehe sind durch die innige Beziehung zu nicht professionellen Helfern oder durch das Vorbild Dorothea Buck motiviert worden, sich von der Verzweiflung zu lösen.

Kalle Pehe hat durch die große Unterstützung und innige Beziehung zu seiner Familie zurück ins Leben gefunden.

Die Mentorenrolle, (innige Beziehung), kann laut Peter N. Watkins; von der Familie, von Freunden, Psychiatrie-Erfahrenen oder professionellen Begleiter übernommen werden. Er müsse ständig erreichbar und verfügbar sein, er muss an die Fähigkeit des psychisch kranken Menschen glauben, sich zu entwickeln und zu verändern; er muss eine Beziehung zu ihm aufbauen, die eine sichere Basis bietet, von der aus er seine Suche nach einer anderen Sichtweise beginnen kann.

Leid und Erlösung, Abkehr und Rückkehr, Lieblosigkeit und Liebe, Sinn und Sinnlosigkeit, Leid und Freude, Tod und Wiedergeburt muss diese Beziehung aushalten.

Die Recovery – Reise ist kein kontinuierlicher, linearer Weg, es werden Entscheidungen gefällt und verworfen, die gleichen Entscheidungen können unterschiedliche Auswirkungen auf die Psyche, sozialen Beziehungen und den biologischen Körper haben.

Eine Gemeinsamkeit haben all diese Versuche, es ist eine steigende Resilienz, gesteigertes Wohlbefinden,  geringere Vulnerabilität, mehr Selbständigkeit und gesteigerte Sicherheit zu verzeichnen…“

Klinische und persönliche Recovery

Klinische Recovery ist eine Idee, die aus der Erfahrung psychiatrischer Fachpersonen heraus entstanden ist. Dabei geht es um die Beseitigung von Symptomen, die Wiederherstellung der sozialen Funktionsfähigkeit und ganz allgemein darum, „wieder zur Normalität zurückzukehren“.

Persönliche Recovery ist eine Idee, die auf den persönlichen Erfahrungen von Menschen mit psychischen Erkrankungen beruht. Sie unterscheidet sich in bestimmten Bereichen grundlegend von der klinischen Recovery. Die am häufigsten genutzte Definition der persönlichen Recovery stammt von William Anthony (1993):

„… ein zutiefst persönlicher, einzigartiger Veränderungsprozess im Hinblick auf die Einstellungen, Werte, Gefühle, Ziele, Fähigkeiten und/oder Rollen eines Menschen im Leben und eine Möglichkeit, auch mit den Einschränkungen durch die Erkrankungen ein befriedigendes, hoffnungsvolles und aktives Leben zu führen. Recovery beinhaltet die Entwicklung einer neuen Bedeutung und eines neuen Sinns im Leben, während man über die katastrophalen Auswirkungen der psychischen Erkrankung hinauswächst…“

Was versteht ANUAS unter Recovery und welche Möglichkeiten werden umgesetzt?

Menschen, die einen so schweren Schicksalsschlag – wie gewaltsame Tötung am Kind/Angehörigen – verkraften müssen, scheitern oft daran, dass sie keinen Sinn mehr in ihrem Leben sehen.

Nicht die Trauer steht bei den meisten Betroffenen im Vordergrund, sondern ein schweres Schock-Trauma mit jahrelangen Re-Traumatisierungen durch lange Konfrontation mit dem Geschehen (Ermittlungen, Strafverfahren, Begutachtungen … viel viel Ungerechtigkeit und fehlende Akzeptanz).

Immer wieder berichten Betroffene, dass sie klassische Selbsthilfegruppen ablehnen. Viele haben schlechte Erfahrungen damit gemacht. Viele sind nicht in der Lage, die Schilderungen anderer Mordfälle zu ertragen.

Wieder Andere können nicht über das Ereignis an sich sprechen, weil sie durch das Trauma blockiert sind (dissoziative Symptome, Vermeidungsverhalten).

Sie sprechen über alles Mögliche – schimpfen über schlampige Ermittlungen, herablassende Sachbearbeiter, komplizierte Antragsverfahren und dergleichen mehr – aber nicht über die Tat selbst.

ANUAS bietet vielfältige Projekte an. In allen Projekten findet gesundheitspräventive Aufklärung und Austausch unter den Betroffenen statt. Die Wünsche der Betroffenen werden akzeptiert, keiner muss in einer Gesprächsrunde über sein Thema sprechen, wenn er es nicht möchte.

Die Projekte sind ausgerichtet auf Freiwilligkeit, Akzeptanz und eigenen Willen der Betroffenen. Sie sind ausgerichtet auf die jeweilige Person. Alle Betroffenen, die sich am Projekt beteiligen möchten, werden mit einbezogen, entsprechend ihren Möglichkeiten und Fähigkeiten. Die Betroffenen wählen ihre Projekte entsprechend den Interessen und Wünschen und sie entscheiden selbständig.

  • Personenorientierung
  • Betroffeneneinbezug
  • Selbstbestimmung
  • Wahlfreiheit

Recovery will die Position der Psychiatrie-Erfahrenen stärken.
Das Konzept der Recovery fordert die Beteiligung Psychiatrie-Erfahrener auf allen Ebenen:

  • In der Arbeit von psychiatrischen Einrichtungen,
  • In der Lehre,
  • In der Forschung
  • In der Politik.

„… Die deutsche Recoverybewegung hat mit der Weiterbildung von Experten aus Erfahrung (EX-IN) begonnen. Ihr Ziel ist die bezahlte Mitarbeit von Experten aus Erfahrung in allen psychiatrischen Einrichtungen und Organisationen. Denn Mitarbeiter mit eigenen Krankheitserfahrungen machen Mut, können einen anderen Zugang zu enschen in psychiatrischen Krisen finden und haben einen aufmerksamen Blick für die gesunden Anteile oder zu stärkende Anteile eines Menschen…“

(Dachverband der Gemeindepsychiatrie e. V.)

Unterschiede zwischen traditioneller und recoveryorientierter Betreuung

Traditioneller Ansatz Recovery-Ansatz
Werte und Machtverteilung

(Scheinbare) Wertfreiheit
Professionelle Verantwortung
Kontrollorientierung
Machtausübung

Wertorientierung
Persönliche Verantwortung
Wahlorientierung
Machtübertragung
Basiskonzepte

Wissenschaft
Pathografie
Psychopathologie
Diagnose
Behandlung
Fachperson und Patienten

 

Humanismus
Biografie
Leiderfahrung
Persönliche Bedeutung
Wachstum und Entdeckung
Experten durch Ausbildung sowie
Experten durch Erfahrung
Wissensgrundlage

Randomisierte Kontrollstudie
Systematische Übersichten
Dekontextualisiert

Erfahrungsberichte
Arbeit mit Vorbildern
Innerhalb eines sozialen Kontextes

Arbeitspraktiken

Beschreibung
Funktionsstörung im Fokus
Krankheitsbasiert
Grundlage ist Reduzierung von Nebenwirkungen
Individuum passt sich an das Programm an
Belohnung von Passivität und Konformität
Professionelle Betreuung durch Koordinatoren

Verständnis
Person im Fokus
Stärkenbasiert
Grundlage sind Hoffnungen und Träume
Fachperson passt sich an der Person an
Stärkung d. Selbstbestimmung
Selbstmanagement

Ziele der Betreuung

Bekämpfung der Krankheit
Unter Kontrolle bringen
Compliance
Rückkehr zur Normalität

Förderung der Gesundheit
Selbstkontrolle
Wahlfreiheit
Transformation

(Quelle: Leitfaden für psychiatrisches Fachpersonal)

Wichtig für die Betroffenen ist die Entwicklung der individuellen Richtung und eines Sinns. Die Richtung kann unterschiedlich wichtig sein. Es kann sich dabei um die Entwicklung der sozialen, der beruflichen, der materiellen, gesundheitlichen, aber auch Wertevorstellungen handeln.

Für viele Betroffene spielt nach einer tötlichen Gewalttat an einem nahen Angehörigen eine wichtige Rolle die Ausrichtung der Gedanken im religiösen, kulturellen, philosophischen und politischen Bereich.

Die Sinnfindung und Akzeptanz ist wichtig, um überhaupt weitermachen zu wollen und zu können. Verlust-, Schuldgefühle, Hoffnungslosigkeit, Frust und Scham lassen sich bewältigen, wenn es im Leben einen neuen Sinn gibt.

Wir beim ANUAS sprechen davon, dass das „alte Kartenhaus des Lebens“ durch eine Gewalttat zerstört wurde. Die Betroffenen brauchen Gesundheit, Zeit, Ruhe, psychische Stabilität und ein soziales Umfeld, um das Vergangene zu akzeptieren und den Sinn darin zu sehen, ein „neues Kartenhaus des Lebens“ aufzubauen. Dieses neue Kartenhaus des Lebens ist nicht mehr das vorherige, es fehlt Jemand. Dieser „Jemand“ kann in das „neue Kartenhaus des Lebens“ des jeweiligen betroffenen Angehörigen integriert werden – integriert in einer neuen Form.

„Loslassen“

Der selbst betroffene Psychologe Roland Kachler sprach in einem Workshop zum Thema „Loslassen“

Der Verstorbene soll als Person, als bildliches Gegenüber bewahrt werden (anstatt ihn/sie loszulassen).

LOSLASSEN


WIE? WAS? WEN? WARUM/ WOHIN? WOZU?

Tod durch Gewalteinwirkung

Welche Fragen tauchen bei den Angehörigen auf, wenn ein Mensch gewaltsam stirbt?

  • Wie hat der Mensch gelitten?
  • Täter
  • Hass, Vernichtungsenergie
  • trifft unseren geliebten Menschen und durch Einfühlen auch uns!
  • Was machen wir mit der Vernichtungsenergie?

Wie gehen wir damit um?

Werden wir zum Opfer oder hassen wir auch?

  • Hätte ich es verhindern können?
  • Habe ich was versäumt?
  • Mitverantwortung?
  • Warum?

Wir stellen diese Fragen aus der Liebe heraus. Wir hätten unseren geliebten Menschen gerne geschützt.

  • Ohnmacht!
  • Fehlender Abschied
  • Andenken des Verstorbenen wird beschädigt (z. B. beim Prozess vor Gericht)
  • tiefe Ungerechtigtkeit

R. Kachler: "Rechnen Sie nicht damit, dass Sie im Prozess Gerechtigkeit erfahren!"

  • Weitere Beschädigung, wenn nicht ermittelt wird
  • Sinnfrage / Warum? / Gottesfrage / Nicht-mehr-leben-wollen / Nachsterben wollen
  • Urvertrauen ist gestört
  • Ungewissheit

Vieles ist vernichtet worden (seelisch und körperlich). Als Helfer, Vertrauensperson, Begleiter, Betreuer ist es wichtig, die Funken herauszufinden, die nicht vernichtet wurden und mit denen dann gemeinsam mit den Betroffenen zu arbeiten. Hier werden dann persönliche Bewältigungsstrategien entwickelt, eine völlig neue Form der Hilfe zur Selbsthilfe. Ob eine begleitende Therapie oder Medikamenteneinnahme nötig ist, entscheidet in der Hauptsache der Betroffene. Er sollte auch nicht dazu gezwungen / „überzeugt“ werden. Der Recovery-Weg ist die Entscheidung der Betroffenen. Wenn die Akzeptanz vorhanden ist, ist dieser Hilfsweg eine optimale Möglichkeit der Sinnfindung, Gesundung und Hoffnung.

Die Entwicklung der Fähigkeiten zur Problembewältigung und der „Neu“-Entwicklung seiner eigenen Wesenszüge und des Verständnisses der Problemlage führt die Betroffenen zum Experten in eigener Sache. Jetzt kann der Betroffene ohne Probleme Lösungen für seine Traumabewältigung finden und anwenden.

Die Selbstbestimmung ist für Betroffene von besonderer Wichtigkeit. Das Vertrauen in die eigene körperliche und Entschlusskraft ist ein Weg des Recovery-Konzeptes. Betroffene suchen in den vielfältigen Angeboten des ANUAS Hilfsangebote, die ihnen zusagen, die ihnen gefallen und diese werden dann auch gerne angenommen. „… Diese Methode hat mir gut getan!“

Für viele Betroffene sind der Kampf gegen Stigma, die Vorurteile und Aggressionen im Umgang mit ihnen, fehlende Akzeptanz und Toleranz erneuter psychischer Distress und führt zu erneuten psychischen Störungen und entsprechende Auswirkungen. Wir sprechen von Re-Traumatisierungen nach einer Gewalttat. Für einige Betroffene kann ein möglicher Weg zur psychischen Stabilität die Mitarbeit in der ANUAS-Arbeitsgruppe in solchen Fällen bedeuten. Andere Betroffene besitzen diese Kraft nicht und benötigen andere Hilfsangebote.

Ein festes Fundament ist für Betroffene ebenfalls notwendig. Dazu zählen angemessene Wohnung, ein ausreichendes Einkommen, Freiheit von Gewalt und ausreichender Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen werden als weitere Grundlagen von Recovery angesehen. Wenn der Sinn des Lebens nach einer gewaltsamen Tötung nicht mehr gesehen wird, ist das Fundament sehr „wackelig“. Die Säulen des Lebens drohen zusammen zu brechen.

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Psychologie Heute09 / 2007, Die Recovery-Bewegung: Hoffnung, Sinn, Gesundheit - Beitrag von:  Andreas Knuf

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Antonovsky A (1997) Salutogenese: Zur Entmystifizierung der Gesundheit.    Tübingen, Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie Bucher A (2007) Psychologie der Spiritualität.   

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Bern, Huber Watkins P (2009) Recovery ‐ Wieder genesen können.   

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Stephan Wolff, Diplom‐Pflegewirt (FH) Fachkrankenpfleger, Psychiatrie Pflege‐ und Stationsmanagement der Klinik für Psychiatrie & Psychiatrie An der Klinikum Hanau GmbH

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Gianfranco Zuaboni, Christoph Abderhalden, Michael Schulz, Andrea Winter: Recovery praktisch! – Schulungsunterlagen, Verlag Universitäre Psychiatrische Dienste Bern, 2012

Dachverband Gemeindepsychiatrie e.V., Recovery – Reise zur Gesundung – Hoffnung macht Sinn, 2. Auflage, Bonn, 9/2013

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