Grafik zeigt ein Labyrinth welches mit den Auswirkungen von Traumata in Worten beschriftet ist

Resilienz

Bild zeigt das Cover des Buches "Resilienz - das Geheimnis seelischer Widerstandskraft" vom BV ANUAS e. V.

Nach einem schweren Schicksalsschlag – gewaltsame Tötung an einem Angehörigen / Kind sind die betroffenen Menschen starken seelischen Belastungen ausgesetzt. Sie sind mit ihrem Leidensdruck so allein, wie man nur allein sein kann.

Der Glaube an die Unversehrtheit des Menschen, Vertrauen zu haben und selbst wertvoll zu sein ist zerstört. Die Hoffnung auf eine gute Lösung der Probleme besteht nicht. Wie auch, der Tatbestand der gewaltsamen Tötung besteht weiter. Das bisherige „Kartenhaus des Lebens“ ist zusammen gefallen. Es gibt für die betroffenen Angehörigen keine konkreten Hoffnungsschimmer, kein reales Anzeichen dafür, dass all das Schlimme irgendwann zu Ende sein und später ein gutes Leben weiter geführt werden könnte.

Jede „normale“ Lebenskrise kann durch die Kraft des positiven Denkens, durch die Heilkraft der Bewegung sowie durch Achtsamkeit und psychische Ruhe bewältigt werden.

Eine gewaltsame Tötung ist in keinster Weise mit einer „normalen Lebenskrise“ zu vergleichen. Nicht einmal eine traumatische Krise ist hierfür eine Erklärung. Bei einem Gewaltverbrechen sprechen wir von einem „Schock-Stress-Trauma“. Der Schock und die Fassungslosigkeit nach der Information durch die Polizei, dass ein naher Angehöriger getötet wurde. Anschließend folgt über viele Jahre ein nie abnehmend scheinender Stress verbunden mit Strafverfahren, Begutachtungen, Lebenskrisen, Verlust des Arbeitsplatzes und des sozialen Umfeldes, psychische und körperliche Leiden … Sorgen über Sorgen. Im Laufe dieser gesamten Zeit stecken die betroffenen Angehörigen im Sumpf des Traumas. Fehlende Akzeptanz, fehlendes Verständnis, fehlende Hilfen und fehlende Empathie führen zu ständigen Re-Traumatisierungen. Die Betroffenen finden nach der Gewalttat keinen Sinn mehr in ihrem Leben. Sie benötigen Hilfen, um ihr neues „Kartenhaus des Lebens“ neu aufzubauen.

Wie schaffen es die Menschen, das Schlimmste zu überstehen und Kräfte zu aktivieren, um an ihrem Schicksalsschlag zu wachsen? Wie kann die seelische Widerstandskraft des Menschen gestärkt werden?

Es gibt kein Patentrezept zur richtigen Lösung, da die Menschen sehr individuell sind und dementsprechend auch mit ihrem Erlebten unterschiedlich umgehen. ANUAS führt seit Jahren vielfältige Gesprächskreise, Workshops und Schulungen zu Themen wie Resilienz und Ressourcen durch.

In der folgenden Publikation werden viele Möglichkeiten, aus den Erfahrungen der betroffenen Angehörigen vorgestellt, um die seelische Widerstandskraft bewusst zu stärken. Die Publikation wird womöglich dabei helfen, dass betroffene Menschen mehr über sich erfahren, wie z.B. auf kreative Weise eine Verbesserung des eigenen Wohlbefindens erfolgen kann.

„Stärke wächst nicht aus körperlicher Kraft – vielmehr aus einem unbeugsamen Willen.“
Mahatma Gandhi

Der Bundesverband ANUAS e.V. hat festgestellt, dass nicht alle erwachsenen Betroffenen bereit sind, nach dem Mord an ihrem Kind, an dem Wachstum ihrer Widerstandskraft zu arbeiten. Möglichkeiten der Hilfen zur Stabilisierung erhalten Betroffene in der ANUAS-Publikation "Resilienz".

Resilienz – Der Wille zu überleben

(Quelle: Dachverband der Gemeindepsychiatrie e.V.)

Resilienz ist der Wille zu überleben. Das Wort Resilienz ist vom lateinischen Verb „resilere“ = „zurückspringen“, „abprallen“, abgeleitet. Im Englischen meint „resilience“ die Spannkraft, Elastizität, Strapazierfähigkeit und Zähigkeit. „Resilienz bedeutet, die eigene Stärke zu entwickeln und zu schulen.“ Resilienz bedeutet, den Widrigkeiten des Lebens aktiv und zuversichtlich zu begegnen und meint auch die Fähigkeit, Stress und Belastung erfolgreich zu bewältigen, seelisch stabil zu bleiben.

Resiliente Menschen verfügen über ein großes Handlungsspektrum an Fähigkeiten, die ihnen helfen, Schwierigkeiten und Krisen zu bewältigen. Der Gegenbegriff der Resilienz ist Verletzlichkeit. Psychisch erkrankte Menschen sind sehr verletzlich und nicht selten dünnhäutig. Bei einer hohen Verletzlichkeit und Dünnhäutigkeit besteht somit ein deutlich höheres Risiko, unter Einfluss von Belastungen vielfältige Formen von Störungen, Auffälligkeiten und Krankheiten zu entwickeln. Deshalb ist es für psychisch erkrankte Menschen besonders wichtig, Resilienz aufzubauen.

Resilienz ist kein angeborenes, stabiles und generell einsetzbares Persönlichkeitsmerkmal. Der Austausch zwischen dem Einzelnen und seiner Umwelt ist dabei von ausschlaggebender Bedeutung. Resilienz entwickelt sich, wenn der Mensch in schwierigen Lebenssituationen auf Schutzfaktoren zugreifen kann.

Die sieben Säulen der Resilienz:

1. Optimismus Den Mut aufbringen, die Welt anders zu betrachten. „Ist das Glas halb voll oder halb leer?“

2. Akzeptanz „Über Probleme reden schafft Probleme! Über Lösungen reden schafft Lösungen!“ (Steve de Shazer)

3. Lösungsorientierung „Ich kann mich über alles ärgern, bin dazu aber nicht verpflichtet.“

4. Aufgeben der Opferrolle – Selbstwirksamkeit Hoffnungslosigkeit aufgeben, – in der Krise eine Chance sehen

5. Selbstverantwortung übernehmen Für eigene Gedanken, Gefühle und Reaktionen zuständig sein, statt die Ursache bei jemandem anderen zu suchen / zu finden oder den Verhältnissen zuzuschreiben

6. Beziehung gestalten – Netzwerkorientierung Sich nicht allein fühlen, Gemeinschaft suchen, verankert sein in einer sozialen Gruppe, insbesondere in der Familie

7. Zukunftsplanung Realisieren, dass man eine Zukunft hat – Vergangenheit ist vorbei. Es bedarf darüber hinaus eines Umdenkens in der Gesellschaft, damit alle von den Erkenntnissen der Resilienzforschung partizipieren können. Je mehr Menschen von diesen Erkenntnissen der Resilienzforschung geprägt werden, desto größer ist die Chance, dass es ihnen gelingt, ein neues Miteinander zu leben und eine von Toleranz und Mitmenschlichkeit geprägte Gesellschaft zu bilden, in der auch der psychisch erkrankte Mensch mit seinen Einschränkungen und Möglichkeiten als vollwertiges Mitglied leben kann.

ANUAS steht auf dem Standpunkt, dass es wenig Sinn macht, Risiken und krankmachende Einflüsse zu bekämpfen. Es sollte mehr die Aufmerksamkeit auf die Stärkung von Ressourcen gelegt werden. Damit werden Menschen vor krankmachende Einflüsse und Risiken widerstandsfähig gemacht.

Wie jahrelanges Stress-Trauma nach einer Gewalttat krank machen kann:

Seelische Belastungen, allen voran ein Schock-Stress-Trauma, schwächen das Immunsystem, belasten das Herz und können zur Entwicklung einer Vielzahl lebensbedrohlicher Krankheiten beitragen, etwa Diabetes oder Herzinfarkt:

- Gehirn
Anhaltende Belastung kann das empfindliche System von Botenstoffen im Gehirn aus dem Gleichgewicht bringen. Dadurch verändert sich die Aktivität des Denkorgans, negative Denkweisen nehmen zu.

- Muskulatur
Bei Angst und Stress spannen sich die Muskeln an. Auf Dauer können sie verkrampfen, was erhebliche Schmerzen – etwa im Nacken und Rücken – auslöst. Mitunter äußern sich die Verspannungen auch als Kopfschmerzen.

- Herz
Stress erhöht das Risiko gefährlicher Ablagerungen in den Wänden der Blutgefäße. Im schlimmsten Fall können diese „Plaques“ zu einem Herzinfarkt führen.

- Ohr
Weil unter ständiger Belastung Teile des Immunsystems gedämpft werden, können Erreger leichter ins Mittelohr eindringen. Taubheit kann die Folge sein, die das Gehirn mit dem typischen Pfeifen des Tinnitus kompensiert.

- Blutzucker
Das Stresshormon Kortisol verringert die Wirkung von Insulin, das den Blutzucker reguliert. Die Bauchspeicheldrüse gleicht diesen Effekt durch erhöhte Insulinfreisetzung aus – bis sie erschöpft ist. Dadurch steigt das Diabetes-Risiko.

- Auge
Permanente Anspannung kann den Augeninnendruck erhöhen. Dadurch wird der Sehnerv weniger durchblutet und geschädigt. Bei dieser Erkrankung (Grüner Star) schrumpft allmählich das Blickfeld – bis zur völligen Erblindung.

- Darm
Bei akutem Stress krampft sich der Magen zusammen. Hält der Stress über längere Zeit an, wird die Darmschleimhaut durchlässiger. Krankheitserreger können leichter eindringen und Entzündungen verursachen.

Resilienzfaktoren

Resilienzfaktoren sind Fähigkeiten, die sich für die Entwicklung seelischer Gesundheit als besonders wichtig erwiesen haben.

Folgende sechs Faktoren sind voneinander abhängige Konstrukte und stehen in einem engen Zusammenhang.

  • Selbst- und Fremdwahrnehmung (angemessene Selbsteinschätzung und Informationsverarbeitung)
  • Selbstwirksamkeitserwartung (Überzeugung, Anforderungen bewältigen zu können)
  • Selbststeuerung (Regulation von Gefühlen und Erregung, Aktivierung oder Beruhigung)
  • Soziale Kompetenzen (Unterstützung holen, Selbstbehauptung, Konfliktlösung)
  • Problemlösungsfähigkeit (allgemeine Strategien zur Analyse und zum Bearbeiten von Problemen)
  • Adaptive Bewältigungskompetenzen (Fähigkeit zur Realisierung vorhandener Kompetenzen in der Situation)

Neben den sechs Faktoren hat auch das Entwickeln persönlicher Ziele und einer subjektiven Sinngebung einen großen Einfluss auf Wohlbefinden und seelische Gesundheit.

Was befähigt Menschen dazu, ein psychisch gesundes Leben zu führen?

Wer sich schwach fühlt, muss also für eine fördernde Umgebung sorgen. Das bedeutet in erster Linie, zu entscheiden, ob die Menschen, mit denen ich mich umgebe, mir guttun oder sich eher für mich als „Energieräuber“ entwickeln.

Für betroffene Angehörige gewaltsamer Tötung ist es nicht leicht, ein soziales Umfeld um sich herum aufzubauen und zu pflegen. Der Glaube an die Menschheit ist erst einmal zerstört. Man vertraut anderen Menschen nicht mehr.

Psychologische Fachleute meinen, dass man seinen Alltag nicht so konfliktträchtig gestalten solle. Seinen Alltag nicht so konfliktträchtig zu gestalten ist eine fast unmögliche Sache nach einem Mordfall. Stunde um Stunde, Tag um Tag und Jahr für Jahr ist man mit dem Gewaltverbrechen konfrontiert.

Die Betroffenen-Hilfs- und Selbsthilfeorganisation, der Betroffenenverband ANUAS e.V. arbeitet intensiv daran, vorsichtig ein soziales Netzwerk unter den Betroffenen aufzubauen und es so weit als möglich liebevoll zu leben. Gemeinsam wird versucht, die jeweilige Resilienz zu vergrößern. Dazu ist es notwendig, sich zu begegnen, die eigene Betroffenheit zu nutzen, sich mit einem gemeinsamen Thema kennenzulernen. Auf welchem Weg man persönlich seine schwierige Situation am besten bewältigt, lässt sich eben am ehesten herausfinden, wenn man seine Seele gut kennt.

Resiliente Menschen wissen besser, was ihnen guttut, als weniger resiliente Menschen. Gemeinsam wird beim ANUAS an Projekten gearbeitet, zum Aufbau seelischer Widerstandskraft. Mit Hilfe der verschiedenen Projekte können betroffene Menschen ihre persönlichen Stärken herausfinden. Es kommt besonders auf Wertschätzung an, von sich selbst und von dem, was man kann.

Der amerikanische Psychologieprofessor Martin Seligman formulierte es passend:

„Don’t fix, what’s wrong! Build up, what’s strong!“

Baue deine Stärken aus,
statt an deinen Schwächen herumzudoktern und
ständig traurig darüber zu sein.
Stärken geben der Seele Kraft.

Trauma und Resilienz

Um traumatische Erfahrungen zu bewältigen, braucht es sehr viel Kraft. Die gewaltsame Tötung eines Angehörigen, womöglich Kindes unterscheidet sich von einem anderen Trauma gewaltig. Die Bewältigung dieser traumatischen Erfahrung ist Schwerstarbeit für den Betroffenen und die gesamte Familie.

Was gibt manchen Menschen die Kraft, das Unerträgliche zu ertragen? Was lässt andere unter der Wucht des Schicksalsschlags zerbrechen?

Längst nicht jedem ist es möglich nach einer persönlichen Katastrophe wieder zu einem halbwegs normalen Leben zurückzufinden. Mancher verliert für immer jeglichen Antrieb, versinkt in Depressionen, verfällt dem Alkohol oder wählt sogar den Suizid. Opfer von schweren Unfällen oder Gewaltverbrechen bleiben meistens lebenslang in ihrem Trauma gefangen.

Resilienz bedeutet nicht, dass die Betroffenen kurz nach dem Gewaltverbrechen zur Tagesordnung zurückkehren und weiterleben, als wäre nichts geschehen.

In resilienten Menschen erwacht irgendwann der Wille, sich nicht dauerhaft unterkriegen zu lassen. Sie werden in der Lage sein, an sich zu arbeiten, das traumatische Erlebnis zu überstehen, ohne dauerhaft seelisch zu erkranken.

Manche Betroffene versuchen, das Beste aus ihrer schwierigen Situation zu machen, lassen sich nicht unterkriegen und finden einen Sinn in einer Tätigkeit. Hierbei ist es sehr wichtig, nicht irgendeine Tätigkeit, um zu vergessen – nein, betroffene Angehörige sollten selber entscheiden können, was sie machen möchten. Alles, was ihnen guttun, wozu sie Lust haben, das ist richtig und wertvoll und wird helfen, ihr Leben wieder neu zu ordnen und zu leben.

Ressourcen

In den meisten Methoden stellt die Stabilisierung eine wichtige Basis dar. Bevor die Krise oder traumatisierende Erfahrung bearbeitet werden kann, müssen die Ressourcen der Betroffenen gestärkt werden. Wohn-und Arbeitsverhältnisse, soziale Beziehungen und familiäre Verpflichtungen sind wichtige Ankerpunkte, welche die Auseinandersetzung mit dem Erlebten erschweren oder unterstützen können.

Ressourcen helfen,

  • sich ausreichend sicher und stark zu fühlen, um der Krise, dem Traumamaterial zu begegnen - Stabilität
  • eigene erprobte Instrumente (innere und äußere) zu finden, um sich vor der Krise, den Traumainhalten zu schützen (s. Grafik links)
  • eine Alltagsstabilisierung zu erreichen
  • beim Aufbau von Affekttoleranz für intensive negative Gefühle
  • positive Bilder – positives Denken ermöglichen – Möglichkeit der Selbstberuhigung
  • beim Aufbau von sozialen Beziehungen und Unterstützung
Bild zeigt eine Übersicht der Ressourcen eines Menschen

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