Grafik zeigt ein Labyrinth welches mit den Auswirkungen von Traumata in Worten beschriftet ist

Selbsthilfe

Selbsthilfe

Grafik zeigt drei verschiedene Kartenhäuser

Was bedeutet Selbsthilfe beim ANUAS?

Selbsthilfe beim ANUAS ist all das, was Betroffenen hilft, ihr schweres Schicksal zu ertragen, ihr Leben zu bewältigen und wieder einen Sinn in ihrem Leben zu finden.

Das bisherige „Kartenhaus des Lebens“ ist durch ein furchtbares Lebens-Drama zerstört worden, welches nichts mit einer Lebenskrise zu tun hat, sondern ein schweres Schock-Trauma ist. Dieses „Kartenhaus des Lebens“ muß neu aufgebaut werden, kann aber nicht so sein wie vorher, es fehlt jemand. Es dauert sehr lange, bis es möglich ist, sein Leben wieder neu zu ordnen, dazu ist eine Stabilität notwendig.

Der Leidensdruck und die jahrelangen Re-Traumatisierungen der Angehörigen, in Zusammenhang mit dem furchtbar Erlebten machen diese Menschen krank – psychisch und körperlich.

Die betroffenen Angehörigen wollen selbst entscheiden, was ihnen gut tut und was sie machen möchten, um weiter leben zu wollen. Nichtbetroffene können unmöglich einschätzen, was für diese betroffenen Angehörigen gut ist. Sie haben nicht das erlebt, was die Angehörigen erlebt haben.

Selbsthilfe ist selbstbestimmt und soll den Betroffenen helfen.

Es ist zwingend notwendig, die Meinungen und Bedürfnisse der Betroffenen zu akzeptieren, sonst würde die Selbsthilfe nicht viel Sinn machen.

ANUAS-Tipp:

Erwarten Sie von einer Selbsthilfegruppe keine Heilung Ihrer seelischen Verletzungen. Unterstützen Sie Ihren natürlichen Selbstheilungsprozess eher für sich allein und zusammen mit einem persönlichen Vertrauten oder mit wenigen vertrauten Personen, die nicht vom gleichen Ereignis betroffen sind. Diese verfügen verständlicherweise eher über die persönlichen Reserven, um Sie auch gefühlsmäßig unterstützen zu können.

Wenn Sie in einer Selbsthilfegruppe mitarbeiten, beschränken Sie sich auf sachlichen Informationsaustausch und gegenseitige praktische Hilfe. Vermeiden Sie in der Selbsthilfegruppe gefühlsmäßig aufwühlende Mitteilungen von Ihrer traumatischen Erfahrung.

Wenn eine traumatherapeutisch erfahrene Gruppenleiterin oder Gruppenleiter zur Verfügung steht, können in einem therapeutischen Gruppenrahmen auch stabilisierende Übungen durchgeführt werden, wie sie in den ANUAS-Broschüren beschrieben sind.

Der Gruppenrahmen muss jedoch durch Einzelsitzungen ergänzt werden, wenn einzelne Gruppenmitglieder in das Stadium ihrer Traumabearbeitung eintreten.

Vorsicht! Gefährdungshinweis

Diese Informationsschrift eignet sich nicht im ganzen als Arbeitsgrundlage für eine Trauma-Selbsthilfegruppe. Verwenden Sie insbesondere die Übungen für sich und zusammen mit eng vertrauten Personen, die nicht vom gleichen Ereignis betroffen sind. Wenn die Übungen aus „Neue Wege aus dem Trauma“ in einer Gruppe ausprobiert werden, sollte unbedingt ein fachlich gut ausgebildeter Therapeut oder Berater die Gruppe leiten. Wenn Sie an sogenannten Debriefing-Gruppen teilnehmen, sollten sich diese Gruppen ebenfalls im wesentlichen auf Informationsaustausch und gegenseitige praktische Hilfe beschränken.

Der Ausdruck „Debriefing“ stammt ursprünglich aus der Sprache von Militärs und bedeutet dort „Einsatz-Nachbesprechung oder Einsatz-Nachbereitung“. Bei Traumaerfahrungen ist jedoch ein psychologisches „Debriefing“ gemeint, das der Amerikaner Mitchell entwickelt hat. Es besitzt interessante Aspekte und wird von vielen Gruppenmitgliedern nach einer schwer belastenden Erfahrung begrüßt. In seiner klassischen Form weist es jedoch eine problematische empirische Ergebnislage gerade bei den sogenannten Risikopersonen für negative Langzeitfolgen auf. Es handelt sich um Traumabearbeitung bzw. –vorbeugung in einer Gruppe, die einen 7-stufigen Prozess durchläuft. Ab Stufe 4 soll dann auch gefühlsmäßig sehr direkt und offen über die belastenden Erfahrungen gesprochen werden. Hier besteht die Gefahr, dass gerade die am schwersten belasteten Gruppenmitglieder überfordert und erneut von ihrer eigenen Erinnerung überflutet werden. Möglicherweise erklärt sich so der bisherige Misserfolg dieses Verfahrens bei der Verhinderung negativer Langzeitfolgen. Die gefühlsmäßig intensive Beschäftigung mit dem Trauma, wie sie auf den fortgeschrittenen Stufen dieses Gruppenverfahrens vorgesehen ist, scheint gerade die am schwersten belasteten Gruppenmitglieder zu überfordern. Ihre gefühlsmäßige Belastung kann noch verstärkt und ihre vielleicht erst mühsam errungene Distanz zum Geschehen wieder durchbrochen werden.

Das „Debriefing“ in seiner ursprünglichen Form kann daher nicht uneingeschränkt empfohlen werden. Soweit sich die Debriefing-Gruppe auf sachliche Information und praktische Hilfen beschränkt, scheint sie weniger problematisch zu sein. Vergewissern Sie sich gegebenenfalls, dass Ihr „Debriefer“ mit den neueren Forschungsergebnissen vertraut ist und dass er sich entsprechend weitergebildet hat. Eine Zusammenfassung von Forschungsergebnissen zum Debriefing finden Sie in dem Beitrag von Karin Clemens „Debriefing – werden die Opfer geschädigt?“

In: Psychotraumatologie, 2000.
Link: www.psychotraumatologie.de/selbsthilfe/grenzen.html
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Die Bearbeitung erlebter Traumen ruft häufig erneut die enorm schmerzhaften Erinnerungen hervor – mit den begleitenden Einschränkungen durch die Dissoziation. Daher müssen erlittene Traumatisierungen auf jeden Fall über einen längeren Zeitraum mit fachkundigen Trauma-Therapeuten bearbeitet werden, um die aktuelle Gesundheitsproblematik zu verbessern. Hier ist Selbsthilfe eher schädigend.

Warum sind Selbsthilfegruppen bei Tötungsdelikten nicht möglich?

An den ANUAS wenden sich angehörige Menschen mit (ungewissen) Tötungserfahrungen innerhalb ihrer Familien.

Dazu gehören:

  • Ritualmorde, Missbrauchstaten mit anschließendem Mord, Prominentenmorde, Raubmord, Politische Morde, ...
  • Suizide, erweiterte Suizide, zweifelhafte Suizide, …
  • Vermisstenfälle
  • Täterangehörige

In den Jahren zeigte sich, dass es sehr schwierig war, „normale“ Selbsthilfegruppen zu gründen und durchzuführen. Die Betroffenen „drückten“ sich vor diesen Treffen mit unterschiedlichen Begründungen:

… ich fühle mich heute
nicht, … ich kann nicht, … ich habe Schmerzen, …eigentlich will ich nicht mit anderen reden.

ANUAS startete eine Umfrage unter den betroffenen Angehörigen, wie sie sich ihre Hilfe zur Selbsthilfe vorstellen könnten, was für sie machbar wäre. Dazu schrieb eine Angehörige eines „prominenten Mordfalles“ eine persönliche Einstellung. Dieses Schreiben hat ANUAS – mit Erlaubnis – an alle betroffenen Angehörigen weitergeleitet, mit der Bitte einer Meinungsäußerung. Alle Rückmeldungen bestätigten, dass diese Angehörigen der gleichen Meinung waren.

Hier ist das Schreiben der prominenten Angehörigen, A.P. zu lesen:

„… Warum ist es für Angehörige von Mordopfern nicht möglich sich in Selbsthilfegruppen zu organisieren:

  • Wenn ein Mord geschieht wird der Mensch in seiner Existenz zerstört! Da durch, dass ein naher Angehöriger gewaltsam getötet wird, ist auch der Angehörige selbst in seiner absoluten Existenz bedroht: Das Unmögliche ist möglich geworden in nächster Umgebung. Das Urvertrauen in das Leben ist somit zerstört: für den Angehörigen bleibt die Gewissheit: Das Undenkbar ist jederzeit möglich!

  • Das Vertrauen in andere Menschen ist zerstört! Häufig kommt der Täter aus dem näheren Umfeld – niemand hätte ihm so eine Tat zugetraut und doch ist es geschehen – wem kann ich jetzt noch vertrauen? Wenn der Täter nicht gefasst ist, bleibt die Angst, dass jeder Mensch in meiner Umgebung mir dieses Schreckliche (einen geliebten Menschen gewaltsam zu verlieren) angetan hat.

  • Es bleibt die Frage: „Habe ich dem Täter schon die Hand geschüttelt?“ Wie soll ich mich also anderen Menschen gegenüber noch öffnen können?

  • Die Wunde, die Angehörigen durch die gewaltsame Tat zugefügt worden ist, ist so tief! Da bleibt kein Raum für die Wunden anderer, die in Selbsthilfegruppen von ihrem Schicksal erzählen möchten.

  • Mord unterscheidet sich martialisch von anderen Todesursachen: er ist nicht nur nicht vorhersehbar, wie z. B. ein Unfall, er ist nicht behandelbar, wie z. B. eine Krankheit, er ist vor allem für jeden Menschen undenkbar! Jeder Mensch weiß, dass er in seinem Leben irgendwann von lieben Menschen Abschied nehmen muss; kein Mensch hält es für möglich, dass dies durch einen Mord geschehen könnte. Für alle Menschen ist Mord etwas, was in Fernsehkrimis oder Kriminalromanen stattfindet, oder wovon man in der Zeitung liest.

  • Er gehört aber nicht in das eigene Leben! Trotzdem wird der Angehörige ohne Vorwarnung davon überrumpelt – alle bisherigen Gedanken, Werte, Weltanschauungen werden über den Haufen geworfen und auf den Kopf gestellt!

  • Ein Mord bringt Ermittlungsarbeit mit sich! Wenn der Täter nicht sofort feststeht, wird zuerst innerhalb der Familie ermittelt: Der Angehörige (eigentlich Opfer) wird bei der Ermittlungsarbeit in die Nähe eines Täters gerückt! Das gesamte Leben wird von außen und von innen hinterfragt, alle Begegnungen und Gespräche mit dem eigentlichen Mordopfer werden darauf hin überprüft, ob diese zu der Tat geführt haben könnten. Hier erleidet der Angehörige die Folgetraumatisierung: das bisherige Vertrauen in die Polizei, die den Auftrag hat, Menschen zu beschützen, wird zerstört, da die Polizei jetzt die Aufgabe hat, mit aller Härte den Mörder zu finden. Die Gefühle des Angehörigen in dieser Ausnahmesituation werden dazu benutzt, mögliche Hinweise zu finden. Was dadurch mit der Psyche des Angehörigen geschieht, ist irrelevant. Die Polizei (eigentlich Schutzauftrag) wird zur Bedrohung und es gibt keine Hilfe!

  • Jeder Angehörige macht auf unterschiedliche Weise, womöglich erstmalig, Erfahrungen mit den Medien: hier werden Persönlichkeitsrechte verletzt, die Intimsphäre wird angegriffen, er wird benutzt, um Einschaltquoten oder Verkaufszahlen zu heben – dabei wird ihm Anteilnahme vorgegaukelt. In einer Selbsthilfegruppe sitzen ihm fremde Menschen aus dem regionalen Umfeld gegenüber: alle haben schon in der Zeitung über den „Fall“ gelesen. Wie kann er sicher sein, dass nichts nach außen an die Medien getragen wird? Er begibt sich dadurch wieder in Gefahr, benutzt zu werden. Was darf er überhaupt über den Fall sagen, ohne die Ermittlungsarbeit zu gefährden? Gibt er ungewollt mögliches Täterwissen weiter, welches ihm die Polizei mitgeteilt hat? Scheitert dann daran eine eventuelle Verurteilung? Diese Gedanken sind bei jedem im Hinterkopf und verhindern ein Öffnen in der Gruppe!

FAZIT: Das Urvertrauen in das Leben wurde zerstört, das Vertrauen in andere Menschen wurde zerstört, das Vertrauen in Organe, die zu meinem Schutz bestehen, wurde zerstört:

Es bleibt das Wissen: überall und zu jeder Zeit ist das Undenkbare möglich, jeder kann es mir zufügen und es gibt keinen Schutz! Meine Existenz ist bedroht! In einer Selbsthilfegruppe würden mehrere Menschen, die genau dieses erlebt haben, in einem Raum aufeinandertreffen. Jeder bringt dieses Paket mit. Der Austausch mit anderen, falls er denn möglich wäre, führt nicht dazu, dass das Problem kleiner oder händelbarer wird, es vergrößert sich vielmehr. Der Einzelne würde feststellen, dass das Unvorstellbare, was ihm selbst passiert ist, öfter passiert und die Auswirkungen in der Öffentlichkeit unerkannt bleiben. Das macht die Welt bedrohlicher!

In herkömmlichen Selbsthilfegruppen treffen sich Menschen, die in ihrem Leben mit einer Krise oder einem Problem konfrontiert sind und durch den Austausch mit anderen Lösungswege entdecken können.

Mord ist nicht zu lösen! Der Verlust des Angehörigen kann betrauert werden – ja! Die Tat, wodurch dieser Verlust entstanden ist, ist so zerstörerisch und bleibt für das eigene Leben als weitere Bedrohung bestehen. Hier gibt es keine Lösung! Die eigene Not ist so groß, dass die Not der anderen Gruppenmitglieder keinen Platz mehr hat. Jeder Angehörige versucht irgendwann wieder erste Schritte in das Alltagsleben zu gehen. Der Besuch in einer Selbsthilfegruppe würde jedes Mal wieder eine Konfrontation mit den eigenen Existenzängsten bedeuten! Dieses lindert keine Symptome sondern verstärkt sie nur.

FAZIT: Austausch mit anderen Betroffenen – ja! Dies bestärkt den Einzelnen in seiner Wahrnehmung und nimmt ihm das Gefühl „verrückt“ zu sein, weil alles in seiner Welt nach der Tat buchstäblich „ver-rückt“ ist. Aber nur im Einzelgespräch! Der Gesprächspartner muss soweit stabil sein, dass er die Geschichte des anderen ertragen kann ohne selbst wieder in der eigenen zu versinken. Teilnahme an einer Gruppe – nein! Die Ängste des Einzelnen potenzieren sich durch die Ängste der anderen Teilnehmer nur! Das ist nicht auszuhalten!

Persönliche Anmerkung: Ich konnte in meinem Leben bereits Hilfe und Unterstützung in einer familiären Krise durch die Teilhabe in einer Selbsthilfegruppe erfahren und schätze diese Form der Krisenbewältigung! Ich habe vor vier Jahren einen nahen Familienangehörigen durch Mord verloren. In der nachfolgenden Zeit habe ich festgestellt, dass es nicht möglich ist, diese existentielle Krise in einer Selbsthilfegruppe zu bearbeiten!

Außenstehende können nicht beurteilen, was Betroffene fühlen – aber bitte respektieren und versuchen zu verstehen! Die Erfahrung selbst zu machen – dies wünsche ich Niemandem! …“
A. P.

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